Lexikon


Anitziganismus
Antiziganismus ist ein Fachbegriff fĂŒr »Zigeunerfeindlichkeit«. Gemeint ist eine Form des Rassismus gegenĂŒber Roma und Sinti und Menschen, die als »Zigeuner« stigmatisiert werden. Der Begriff umfasst einerseits stereotype und vorurteilsbehaftete Einstellungen gegenĂŒber als »Zigeuner« wahrgenommenen Gruppen, andererseits jegliche Formen der gesellschaftlichen und staatlichen Ausgrenzung, der Diskriminierung, der Vertreibung und der Verfolgung.
Arbeitslager
Als Arbeitslager werden Orte bezeichnet, an denen Menschen zur Zwangsarbeit festgehalten und ausgebeutet wurden. Arbeitslager hat es in der Geschichte in verschiedenen AusprĂ€gungen gegeben. Im 18. Jahrhundert etablierten die Briten Strafkolonien in Nordamerika und spĂ€ter in Australien. Die GrĂŒnde warum Menschen in Arbeitslagern eingesperrt wurden, waren vielfĂ€ltig: einerseits sollten kriminelle Handlungen bestraft werden, andererseits galt es auch unerwĂŒnschte politische, religiöse bzw. gesellschaftskritische Einstellungen zu bestrafen. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde im November 1933 ein Gesetz gegen gefĂ€hrliche Gewohnheitsverbrecher erlassen, mit dem die Einweisung in ArbeitshĂ€user beschlossen wurde.
Assimilation
Assimilation bezeichnet das Einander-Angleichen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. In der Migrationsforschung bezieht sich der Begriff auf Formen der Integration , bei der sich Minderheiten und Zuwander/innen zur GĂ€nze an die Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft anpassen.
Asoziale
Die Fremdbezeichnung »Asoziale (HÀftlinge)« stammt aus dem Sprachgebrauch der Nationalsozialisten. Der Begriff bezieht sich auf Menschen aus den sozialen Unterschichten, die von den Nationalsozialisten als »minderwertig« angesehen wurden. Als »Asoziale« wurden Personen oder soziale Gruppen verurteilt, die aus der Sicht der Nationalsozialisten als unfÀhig oder unwillig zur geforderten Eingliederung in die konstruierte Gemeinschaft des nationalsozialistischen Volkes galten.
Asylrecht
Asylrecht meint das Recht von aus politischen, rassischen, religiösen oder anderen GrĂŒnden verfolgten Menschen an einem sicheren Aufenthaltsort Zuflucht zu finden.
Allochthon – Autochthon
Der Begriff »allochthon« (altgriechisch allos »anders/verschieden«, und chthƍn »Erde«: ‚fremd, auswĂ€rtig‘) bezieht sich auf Personen, die außerhalb ihres Aufenthaltslandes geboren sind. Im Gegensatz dazu bezieht sich die Bezeichnung »autochthon« (altgriechisch autĂłs »selbst« und chthƍn »Erde«) auf alteingesessene im Aufenthaltsland geborene Personen.
Ausgrenzung
Der Begriff Ausgrenzung bezieht sich auf die Tatsache, dass Personen oder Gruppen aus unterschiedlichen GrĂŒnden hĂ€ufig gegen ihren Willen von bestimmten Gruppen oder der Mehrheitsbevölkerung ausgeschlossen werden. Die Praxis der Ausgrenzung ist eng mit Abwertung und Diskriminierung verbunden.
Bettelverbot
Ein Bettelverbot ist ein allgemeines oder rĂ€umlich begrenztes Verbot, Passanten/innen um (Geld)spenden zu bitten. Allgemeine Bettelverbote gibt es in Österreich nicht mehr, sehr wohl existieren aber Verbote bestimmter Formen der Bettelei (aufdringlich, aggressiv, organisiert, mit Kindern, gewerbsmĂ€ĂŸig,
) und auch rĂ€umlich und zeitlich (z.B. an Markttagen) begrenzte Verbote.
Diskriminierung
Als Diskriminierung wird eine ungerechtfertigte Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder aufgrund von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Sprache, Aussehen, Religionszugehörigkeit, StaatsbĂŒrgerschaft, sexuelle Orientierung, Herkunft etc. bezeichnet. Diskriminierung kann sowohl direkt (explizit) als auch indirekt (implizit) erfolgen.
Enteignung
Unter Enteignung versteht man juristisch den Entzug des Eigentums an einer unbeweglichen oder beweglichen Sache durch den Staat, im Rahmen vorherrschender Gesetze und gegen eine EntschĂ€digung. In der Zeit des Nationalsozialismus war die Enteignung von außerhalb der »Volksgemeinschaft« stehenden Personen und Gruppen (Juden, Roma und Sinti, politischen Gegnern etc.) rassisch (siehe: Rasse) motiviert. Die Enteignungen durch die Nationalsozialisten sind zumeist als Konfiskationen zu werten, als Beschlagnahmungen und Enteignungen ohne angemessene EntschĂ€digung.
Entrechtung
Um eine Entrechtung handelt es sich dann, wenn einer Person oder einer Gruppe Rechte entzogen werden.
ethnische Minderheiten
Als ethnische Minderheiten bezeichnet man Volksgruppen, die als Minderheit in einem Staat leben. Als Teil des Staatsvolkes unterscheiden sich Minderheiten von der Mehrheitsbevölkerung durch sprachliche, kulturelle oder religiöse Eigenheiten.
Fahrendes Volk/Fahrende
Als Fahrendes Volk/Fahrende versteht man Personengruppen, die mehrheitlich einen nichtsesshaften Lebensstil pflegen, nicht aber eine einheitliche ethnische Gruppe. Zumeist waren Vertreter/innen solcher Gruppen als wandernde HĂ€ndler/innen und/oder KĂŒnstler/innen unterwegs. Historisch wurden Fahrende auch als Vagant/innen und /oder Landstreicher/innen bezeichnet.
Festsetzungserlass
Festsetzungserlass: Auf Grund des »Festsetzungserlasses« vom 17. Oktober 1939 durften Roma und Sinti ihren Aufenthaltsort nicht mehr verlassen. Darin wies das Reichssicherheitshauptamt die Kriminalpolizeistellen im Deutschen Reich an, »binnen kurzem im gesamten Reichsgebiet die Zigeunerfrage im Reichsmaßstab grundsĂ€tzlich« zu regeln. Die »spĂ€ter festzunehmenden Zigeuner« seien »bis zu ihrem endgĂŒltigen Abtransport in besonderen Sammellagern« (siehe »Zigeunerlager«) zu internieren. Die Ortspolizeibehörden und die Gendarmerie wurden angewiesen, sĂ€mtlichen in ihrem Bereich sich aufhaltenden »Zigeunern« und »Zigeunermischlingen« die Auflage zu erteilen, von sofort an ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort nicht mehr zu verlassen. FĂŒr die Zuwiderhandlung wurde die Einweisung in ein Konzentrationslager angedroht. Rechtsgrundlage dafĂŒr war der Erlass des Reichsministers des Inneren vom 14. Dezember 1937 zur »Vorbeugenden VerbrechensbekĂ€mpfung«. Die Ergebnisse mussten von den Ortspolizeibehörden und der Gendarmerie listenmĂ€ĂŸig den Kriminalpolizeistellen gemeldet werden. Die Erfassungsarbeiten sollten in kĂŒrzester Zeit erledigt werden.
Fremdbezeichnung
Fremdbezeichnung ist ein Begriff aus der Linguistik (Sprachwissenschaft), der von Personen außerhalb einer Gruppe fĂŒr die Bezeichnung der Gruppe oder ihrer Mitglieder verwendet wird. So ist zum Beispiel »Roma und Sinti« die Selbstbezeichnung der Volksgruppe , wĂ€hrend der Begriff »Zigeuner« die Fremdbezeichnung darstellt.
Fremdenfeindlichkeit
Fremdenfeindlichkeit (Fremdenangst) oder AuslĂ€nderfeindlichkeit oder Xenophobie (wörtlich ĂŒbersetzt »Angst vor Fremden«) meint eine ausgrenzende, ablehnende und feindliche Haltung gegenĂŒber Personen oder Gruppen, die außerhalb der Mehrheitsbevölkerung stehen. Diese Menschen werden aufgrund von echten, vermeintlichen oder angeblichen sozialen, religiösen, wirtschaftlichen, kulturellen und ethnischen Unterschieden als andersartig wahrgenommen und oft auch behandelt. Opfer dieser Diskriminierung sind nicht immer nur AuslĂ€nder/innen, sondern allgemein Fremde (auch, wenn sie schon lĂ€ngst österreichische StaatsbĂŒrger/innen sind). HĂ€ufig entsteht AuslĂ€nderfeindlichkeit, weil man zu wenig ĂŒber die anderen weiß und deshalb auf Vorurteile zurĂŒckgreift oder AuslĂ€nder/innen die Schuld an bestimmten Problemen zuschreibt. AuslĂ€nderfeindlichkeit bringt meist eine bewusste Benachteiligung von Fremden mit sich: Man bleibt ihnen beispielsweise die soziale Anerkennung schuldig. In solch einem Umfeld kann Rassismus entstehen.
Gadje
Als Gadje bezeichnen die Roma alle Personen, die nicht Roma und Sinti sind, ausgenommen davon sind Juden. Das Wort geht vermutlich auf das altindische »garhya« – »hĂ€uslich« zurĂŒck, was so viel bedeutet wie »Bauer« oder »Dörfler«.
Gastarbeiter/innen
Gastarbeiter/innen sind Arbeitnehmer/innen, die (fĂŒr bestimmte Zeit) außerhalb ihres Herkunftslandes arbeiten (siehe Migration). Als Gastarbeiter/innen wurden vor allem jene Arbeitsmigrant/innen bezeichnet, die seit den ausgehenden 1950er-Jahren, verstĂ€rkt aber in den 1960er- und 1970er-Jahren, in die Bundesrepublik Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich kamen. Seit den 1970er-Jahren geriet der Begriff zunehmend in die Kritik, da er die Vorstellung enthielt, die Arbeitsmigrant/innen wĂŒrden nur fĂŒr einen zeitlich begrenzten Aufenthalt kommen. Die RealitĂ€t zeigte jedoch, dass ein Großteil der Gastarbeiter/innen dauerhaft in Deutschland und Österreich blieb und auch ihre Familienangehörigen nachholte.
Geleitbrief
Ein Geleitbrief, eine Art Aufenthaltsbescheinigung und Berufsgenehmigung oder auch Schutzbrief, gewĂ€hrte reisenden Personen Schutz. Er fungierte als Beweismittel fĂŒr den Befehl des Herrschers, und wurde damit zum schriftlichen Gesetz und hatte Rechtsfunktion.
Gestapo
Die AbkĂŒrzung fĂŒr Geheime Staatspolizei ist die gĂ€ngige Bezeichnung fĂŒr die politische Polizei im nationalsozialistischen Deutschland zwischen 1933 und 1945. Die Gestapo war ein zentrales AusfĂŒhrungsorgan der nationalsozialistischen Herrschaft und als solches verantwortlich fĂŒr den organisierten Terror in Deutschland und in den wĂ€hrend des 2.Weltkrieges von Deutschland besetzten Gebieten. Die Geheime Staatspolizei hatte die Aufgabe, alle staatsgefĂ€hrlichen Bestrebungen im gesamten Staatsgebiet zu erforschen und zu bekĂ€mpfen. VerfĂŒgungen und Angelegenheiten der Geheimen Staatspolizei unterlagen nicht der NachprĂŒfung durch die Verwaltungsgerichte. Die Gestapo konnte willkĂŒrlich und ohne Gerichtsbeschluss vermeintliche und tatsĂ€chliche Gegner des Regimes und andere unerwĂŒnschte Personen verfolgen und verhaften, in »Schutzhaft« nehmen und in Konzentrationslager einweisen; rechtliche Schritte gegen solche Maßnahmen waren unmöglich. WĂ€hrend des 2. Weltkrieges verstĂ€rkte die Gestapo ihren Terror noch, vor allem in den besetzten Gebieten, wo sie den nationalsozialistischen Terror verkörperte und als Teil der Einsatzgruppen der SS fĂŒr Misshandlungen und Morde an Juden, »Zigeunern«, Partisanen, Kommunisten etc. verantwortlich war. Außerdem war die Gestapo fĂŒr die Deportation aus allen besetzten Gebieten in die Vernichtungslager zustĂ€ndig und hatte somit wesentlichen Anteil am Holocaust.
IdentitÀt
IdentitÀt stammt vom lateinischen Wort »idem« - »derselbe« oder »das Gleiche« ab. Im weiteren Sinne bedeutet »IdentitÀt« alle einem Menschen innewohnenden Eigenschaften, welche ihn als Individuum von anderen Menschen abheben und als eine eigene Person kennzeichnen.
Integration
IntegrationDas Wort Integration stammt aus dem Lateinischen und bedeutet »Wiederherstellen eines Ganzen«. Im Zusammenhang mit Migration bezeichnet Integration die gleichberechtigte Aufnahme von Migrant/innen in die Mehrheitsgesellschaft und deren Akzeptanz – ohne dass die Migrant/innen sich dabei vollkommen an die Mehrheitsgesellschaft anpassen mĂŒssen.
Jenische
Jenische ist sowohl eine Selbst- als auch eine Fremdbezeichnung fĂŒr Angehörige eines nach landschaftlicher und sozialer Abkunft vielfĂ€ltigen Teils der Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa. Ihre Herkunft ist unbekannt. Historisch lassen sich Jenische auf Angehörige der am Rand stehenden Schichten der Armutsgesellschaften der frĂŒhen Neuzeit und des 19.Jhs zurĂŒckfĂŒhren. Merkmale dieser historischen Jenischen waren ihr ökonomischer, rechtlicher und sozialer Ausschluss aus der Mehrheitsbevölkerung und eine dadurch bedingte Dauer-Migration. Sie sprechen auch eine eigene, die jenische, Sprache. In Österreich sind sie eine nicht anerkannte Minderheit. Als nationale Minderheit oder als Volksgruppe sind Jenische in keinem europĂ€ischen Staat, außer in der Schweiz, seit 1998 anerkannt. FĂŒr die Schweizer Bundesbehörden ist die 1975 gegrĂŒndete »Radgenossenschaft der Landstraße« die wichtigste Ansprechpartnerin. Dabei wird die Radgenossenschaft als Vertreterin aller »Fahrenden« gesehen und zwischen Roma und Sinti einerseits, sowie Jenischen andererseits nicht unterschieden. Heute »reist« nur mehr ein kleiner Teil der Jenischen.
Klischee
Klischee: eine festgefahrene Vorstellung, eine zugesprochene typische Eigenschaft. Siehe auch: Vorurteil, Stereotyp.
Konzentrations- und Vernichtungslager (AbkĂŒrzung: KZ)
Als Konzentrationslager wurden verschiedene Haftorte in verschiedenen LĂ€ndern zu verschiedenen Zeiten bezeichnet. Die lateinische Wortherkunft bedeutet sammeln, zusammenziehen oder zusammenlegen. Das nationalsozialistische Deutsche Reich benutzte den Namen fĂŒr ein Netzwerk von Haftorten. Der Begriff Konzentrationslager steht seit der Zeit des Nationalsozialismus fĂŒr die Arbeits- und Vernichtungslager (siehe Arbeitslager) des NS-Regimes. Die Konzentrationslager wurden im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten von Organisationen der NSDAP (Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei) errichtet. Es waren schließlich rund 1.000 Konzentrations- und Nebenlager sowie sieben Vernichtungslager, die speziell fĂŒr Massenmorde, v.a. mit Giftgas, in Gaskammern an Juden, Roma und Sinti sowie vielen anderen Bevölkerungsgruppen wĂ€hrend des 2. Weltkrieges errichtet wurden.
Sie dienten der Ermordung von Millionen Menschen, der Beseitigung politischer Gegner, der Ausbeutung durch Zwangsarbeit, medizinischen Menschenversuchen und der Internierung von Kriegsgefangenen. Das Lagersystem stellte ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft dar. Weite Zweige der deutschen Industrie profitierten direkt oder indirekt von ihm. Man nimmt heute an, dass etwa zwei Drittel der sechs Millionen Juden, die der deutschen Judenvernichtung, spĂ€ter Shoah bzw. Holocaust genannt, zum Opfer fielen, in Vernichtungs- und Konzentrationslagern direkt ermordet wurden oder dort an Folgen von systematischer UnterernĂ€hrung, den Misshandlungen und an unbehandelten Krankheiten gestorben sind. Das verbleibende Drittel starb bei Massenerschießungen vor allem durch die Einsatztruppen des Sicherheitsdienstes und auf den so genannten TodesmĂ€rschen. Neben Juden, Roma und Sinti wurden in den Konzentrationslagern auch viele andere Menschen, wie Kommunisten, Sozialisten, Pfarrer, Systemkritiker, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, geistig Behinderte und angebliche »Asoziale« ermordet. Die genaue Anzahl der Toten ist bis heute unklar, da die Mörder lĂ€ngst nicht ĂŒber alle Opfer Akten fĂŒhrten, am Ende des Krieges keine Ermordungen mehr dokumentarisch festgehalten wurden und viele Unterlagen durch Kriegsereignisse unwiederbringlich verloren gingen. Ebenso wurden viele Zeugen bei Kriegsende gezielt ermordet. Zahlreiche HĂ€ftlinge, die von den alliierten Truppen befreit werden konnten, starben erst nach diesem Zeitpunkt an den Folgen der Haft.
Lovara
Bedeutet eigentlich »PferdehĂ€ndler« und stammt von dem ungarischen Wort »ló« - »Pferd«. Lovara sind zu den Vlach-Roma zu rechnen. Als Vlach-Roma oder walachische Roma bezeichnet man jene Gruppen, deren Romani-Varianten eine starke walachische, d.h. rumĂ€nische, PrĂ€gung aufweisen. ZurĂŒckzufĂŒhren ist diese sprachliche Beeinflussung auf die jahrhundertlange Leibeigenschaft und Versklavung der Roma in den FĂŒrstentĂŒmern Moldau und Walachei, die zusammen mit Transsilvanien das Kerngebiet des heutigen RumĂ€nien bilden. Siehe Kapitel Duldung, Abwehr und Versklavung. Zu den bekanntesten Vertretern der Vlach-Roma, die heute weltweit verbreitet sind, gehören die Kalderas (Kesselschmiede, Kupferschmiede) und die Lovara.
Menschenrechte
Menschenrechte sind Rechte, die fĂŒr alle Menschen ĂŒberall auf der Welt gelten. Das nennt man die UniversalitĂ€t der Menschenrechte. Daneben gibt es die Unteilbarkeit der Menschenrechte – das bedeutet, dass sie in ihrer Gesamtheit beachtet werden mĂŒssen. Die Idee, genau festzulegen, welche Rechte dies sind, gibt es schon lange Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die UNO (United Nations Organisation, Vereinte Nationen) dann daran, diese Rechte auch schriftlich zu verfassen und den einzelnen LĂ€ndern zur Unterzeichnung vorzulegen. Am 10. Dezember 1948 wurde von der UNO die Allgemeine ErklĂ€rung der Menschenrechte verabschiedet. Die Menschenrechte gelten also fĂŒr alle Menschen, unabhĂ€ngig von nationaler oder sozialer Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Vermögen, politischer, religiöser oder sonstiger Einstellung. Zahlreiche wichtige Punkte sind in der Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschenrechte in 30 Artikeln festgelegt, vom Verbot von Diskriminierung, Folter oder Sklaverei, ĂŒber die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Bildung, Eigentum oder Arbeit bis zum Asylrecht oder zur Gewissens-, Glaubens- und Meinungsfreiheit. Die meisten Staaten haben die MenschenrechtserklĂ€rung unterzeichnet. Die international maßgebliche Quelle fĂŒr den Bestand und Gehalt der Menschenrechte ist die International Bill of Human Rights der Vereinten Nationen.
Migration
Der Begriff stammt vom lateinischen Verb »migrare« – »wandern«. Migration beschreibt alle freiwilligen und unfreiwilligen Wanderungen von Menschen. Sie kann in Form von Binnenmigration (z.B. Stadt- oder Landflucht) oder in Form von internationaler Migration erfolgen.
Migrationshintergrund
Normalerweise werden Personen mit nicht-österreichischer StaatsbĂŒrgerschaft sowie Menschen, die nicht in Österreich geboren wurden, als Personen mit Migrationshintergrund bezeichnet. Das bedeutet, es werden Migrant/innen der ersten Generation (Geburtsort im Ausland) sowie der zweiten Generation, die hĂ€ufig keine österreichische StaatsbĂŒrgerschaft besitzen, aber schon in Österreich geboren wurden, erfasst.
Minderheit
Eine Minderheit bilden Personen, die aufgrund ihrer ethnischen, sozialen oder religiösen Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung Diskriminierung erfahren. Zu den Minderheiten gehören in Österreich unter anderem die gesetzlich anerkannten Volksgruppen, Migrant/innen, Asylwerber/innen und FlĂŒchtlinge, Lesben, Schwule und Transgender (Queers) und Menschen mit Behinderung. Die Grundlage fĂŒr diese Definition ist nicht die geringere Zahl der Gruppenmitglieder, sondern ihre geringere Macht gegenĂŒber einer dominanten Mehrheit. Diese Betonung der gemeinsamen Anliegen blendet die Unterschiede, die verschiedenen Anliegen, Probleme und BedĂŒrfnisse der einzelnen Gruppen nicht aus. Es gibt verschiedene Gruppen von Minderheiten, z.B. auch nationale Minderheiten. Volksgruppen, wie z.B. die Volksgruppe der Roma und Sinti werden als nationale Minderheiten bezeichnet. In Europa leben geschĂ€tzte zwölf Millionen Roma und Sinti, welche zusammen die grĂ¶ĂŸte Minderheit innerhalb der EuropĂ€ischen Union bilden. Die Volksgruppe setzt sich aus vielen Untergruppen mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturtraditionen zusammen. Viele dieser Gruppen leben in den europĂ€ischen LĂ€ndern am Rande der Gesellschaft und werden oft von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt. Eine Plattform fĂŒr Minderheiten in Österreich bildet z.B. die »Initiative Minderheiten« (externer Link), die fĂŒr eine minderheitengerechte Gesellschaft, in der individuelle LebensentwĂŒrfe unabhĂ€ngig von Merkmalen wie ethnischer, sozialer oder religiöser Zugehörigkeit, sexueller Orientierung und Behinderung als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt sind, eintritt.
Mehrheitsgesellschaft
Der Begriff bezeichnet den Teil einer Bevölkerung, der aufgrund seiner quantitativen Überlegenheit die kulturelle Norm eines Gemeinwesens definiert und reprĂ€sentiert.
Nomaden
Als Nomaden werden nicht sesshafte Völker und Menschen, die hÀufiger ihren Wohnplatz wechseln, bezeichnet.
NĂŒrnberger Rassengesetze
Am 15. September 1935 wurden in NĂŒrnberg auf einer Sondersitzung des Reichsparteitags zwei Verfassungsgesetze verkĂŒndet, die die Basis fĂŒr den völligen Ausschluss der jĂŒdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben und fĂŒr die nachfolgende antijĂŒdische Politik bildeten. Das »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« verbot u.a. Eheschließungen und außerehelichen Verkehr zwischen Juden/JĂŒdinnen und Deutschen. Das »ReichsbĂŒrgergesetz« legte fest, dass nur Deutsche oder Personen mit »artverwandtem Blut« BĂŒrger des Reichs seien. Durch diese Gesetze verloren Juden und andere »nichtdeutsche« Bevölkerungsgruppen, v.a. auch Roma und Sinti, ihre politischen Rechte. Auf Grund des ReichsbĂŒrgergesetzes wurden zwischen November 1935 und Juli 1943 dreizehn weitere Verordnungen u.a. ĂŒber Berufsverbote fĂŒr die jĂŒdische Bevölkerung, Kennzeichnungspflicht jĂŒdischer GeschĂ€fte und Verfall jĂŒdischen Vermögens an das Deutsche Reich erlassen. Die so genannten NĂŒrnberger Rassengesetze erhielten am 28. Mai 1938 auch fĂŒr Österreich GĂŒltigkeit.
Rasse
In der Biologie bedeutet Rasse die Gesamtheit der auf eine ZĂŒchtung zurĂŒckgehenden Tiere, seltener auch Pflanzen einer Art, die sich durch bestimmte gemeinsame Merkmale von den ĂŒbrigen derselben Art unterscheiden; z.B. Zuchtrasse. Heute wird der Begriff der »Rasse« nicht mehr auf Menschen angewendet. Siehe auch Rassenforschung, Rassenideologie
Rassenforschung (Eugenik)
Der Begriff Eugenik leitet sich von den altgriechisch Worten »eu« – »gut« und »genos« – »Geschlecht«, deutsch »Erbgesundheitslehre« her. Eugenik oder Eugenetik bezeichnet seit 1883 die Anwendung theoretischer Konzepte auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrĂ¶ĂŸern (positive Eugenik) und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern (negative Eugenik). Die schĂ€rfste Zuspitzung und Radikalisierung erfuhr das rassenbiologische Denken im Nationalsozialismus. Dort war es nicht nur Bestandteil der Propaganda, sondern ein zentraler Punkt der Ideologie (siehe Rassenideologie) und der betriebenen Politik. Adolf Hitlers Buch »Mein Kampf« enthielt ein umfangreiches Kapitel ĂŒber Eugenik. Den von ihm entfesselten Krieg einschließlich der sogenannten Konzentrationslager betrachtete er als einen Überlebenskampf zwischen Rassen. UnterstĂŒtzt wurde die »Nationalsozialistische Rassenhygiene« (siehe Rassenhygienische Untersuchungen) auch von deutschen Wissenschaftlern. Von den bekanntesten Anthropologen, Humangenetikern und Rassenhygienikern der NS-Zeit, deren Personalakten im Berlin Document Center (BDC) lagern, waren mehr als 90 % Mitglieder der NSDAP (Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei).
Rassenideologie
Eine Ideologie stellt ein System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen dar. Oft ist damit auch eine politische Theorie, besonders in totalitÀren Systemen, gemeint, in der die Ideen der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele dienen. Durch die Rassenideologie im Nation alsozialismus sollte die Diskriminierung und Verfolgung einer bestimmten »Rasse« oder ethnischen Gruppe gerechtfertigt werden.
Rassenhygienische Untersuchungen
Die Nationalsozialistische Rassenhygiene war die zur Zeit des Nationalsozialismus betriebene Radikalvariante der Eugenik bzw. Rassenforschung. Die praktische Umsetzung erfolgte durch den Einfluss auf die Wahl der Geschlechts- und Ehepartner durch die NĂŒrnberger Rassengesetze und Eheverbote, durch Zwangssterilisationen bei verschiedenen Krankheitsbildern und Bevölkerungsgruppen, durch zwangsweise Abtreibungen bis zur »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. Die zur Zeit des Nationalsozialismus im Jahre 1936 gegrĂŒndete Rassenhygienische Forschungsstelle am Reichsgesundheitsamt (kurz RHF) unter der Leitung von Robert Ritter erarbeitete schwerpunktmĂ€ĂŸig und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei die Begutachtungen von ca. 30.000 vor allem im Deutschen Reich lebender »Zigeuner«. Die RHF lieferte so die pseudowissenschaftliche Grundlage fĂŒr die Vernichtung und Zwangssterilisation Tausender Roma. Ab dem Winter 1937/38 durchkĂ€mmten »Fliegende Arbeitsgruppen« der RHF »Barackenlager und Armenquartiere« (Ritter) und erfassten erstmals 2400 »Zigeuner«. Betroffene wurden von der Polizei aber auch zur rassenkundlichen Untersuchung vorgeladen oder in GefĂ€ngnissen aufgesucht, wie die Arbeitsberichte bzw. Tageslisten der RHF ausweisen. Die dabei gewonnenen personalisierten Daten bildeten die Grundlage des »Zigeunersippenarchivs« der RHF.
Rassismus
Bedeutet jegliche Benachteiligung eines Menschen und/oder einer Gruppe aufgrund der Hautfarbe, der Sprache, des Aussehens, der Religionszugehörigkeit, der StaatsbĂŒrgerschaft, der Herkunft oder der sexuellen Orientierung etc. Es handelt sich um eine Lehre zur Rechtfertigung von Diskriminierung, nach der bestimmte Völker oder Volksgruppen anderen generell ĂŒberlegen seien. Allgemein bedeutet Rassismus, dass man einer Gruppe von Menschen auf Grund bestimmter gemeinsamer Merkmale negative Eigenschaften zuschreibt. Diese negativen Eigenschaften werden biologisch begrĂŒndet, d.h. man behauptet, dass sie angeboren seien.
Im 19. Jahrhundert entstand die »Rassenkunde« (siehe Rasse). Untersucht wurden dabei die (sichtbaren) Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen. Diese wurden in »Rassen« eingeteilt. Diesen »Rassen« wurden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Teilweise finden wir diese Zuschreibungen auch heute noch. Rassismus ist in vielen LĂ€ndern und zwischen unterschiedlichen Gruppen zu finden. In der EU gibt es eine eigene Einrichtung, die sich der BekĂ€mpfung von Rassismus widmet. Ebenso wurde 1999 die Organisation ZARA, Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, (www.zara.or.at) mit dem Ziel gegrĂŒndet, Zivilcourage und eine rassismusfreie Gesellschaft in Österreich zu fördern sowie alle Formen des Rassismus zu bekĂ€mpfen. Sie bietet fĂŒr Menschen, die mit Rassismus konfrontiert wurden, Information, UnterstĂŒtzung und (rechtliche) Beratung, und gibt einen jĂ€hrlichen Rassismus-Report heraus.
Razzia
Eine Razzia ist eine planmĂ€ĂŸig vorbereitete polizeiliche Durchsuchungsaktion bzw. ĂŒberraschende örtlich begrenzte Fahndungsaktion der Polizei. Sie wird meist innerhalb einer schlagartig abgesperrten Örtlichkeit bei einem unbestimmten Personenkreis ĂŒberraschend durchgefĂŒhrt und dient der Suche nach Personen oder nach Sachen zum Zweck der Gefahrenabwehr (z.B. PrĂ€vention von Straftaten) oder der Strafverfolgung (Repression).
Reichszentrale zur BekÀmpfung des Zigeunerunwesens
Der erste polizeiliche Nachrichtendienst fĂŒr die Sicherheitspolizei in Bezug auf »Zigeuner«, Kurzform »Zigeunerzentrale«, wurde 1899 in der Polizeidirektion MĂŒnchen gegrĂŒndet. Dieser Nachrichtendienst bildete das Vorbild fĂŒr andere nationale und internationale »Zigeunerzentralen« der Polizei. Seine Aufgabe war es, einer imaginierten »Zigeunerplage« mit Hilfe modernster polizeilicher Mittel, vor allem mit dem Aufbau einer Personendatenbank, Herr zu werden. Die Erfassung von »Zigeunern« und »nach Zigeunerart umherziehenden Personen« in einer zentralen Kartei fĂŒhrte im polizeilichen Alltag zu deren Gleichstellung mit SerienstraftĂ€tern. Im Nationalsozialismus wurde die Zigeunerzentrale schrittweise aufgrund des Runderlasses zur Neuordnung der Reichskriminalpolizei 1936 und 1938 zur »Reichszentrale zur BekĂ€mpfung des Zigeunerunwesens« umgestaltet. Zusammen mit der Rassenhygienischen Forschungsstelle (RHF) – siehe: Rassenhygienische Untersuchungen organisierte die Reichszentrale ĂŒber den Erkennungsdienst und ĂŒber EinzelauskĂŒnfte hinaus auch die Erfassung und die Deportationen, die in den Völkermord an den europĂ€ischen Roma und Sinti mĂŒndeten.
Roma
(Sg.m. rom, Pl.m. roma, Sg.f. romni, Pl.f. romnija) ist der Oberbegriff fĂŒr eine Reihe von Bevölkerungsgruppen, denen ihre Sprache, das Romanes, und vermutlich auch eine historisch-geographische Herkunft aus Indien gemeinsam sind. Überwiegend sind sie seit mindesten 700 Jahren in Europa beheimatet. Sie bilden keine geschlossene Gemeinschaft, sondern teilen sich in unterschiedliche Gruppen mit vielfĂ€ltigen, von Sprache, Kultur und Geschichte geprĂ€gten, Besonderheiten. Roma und Sinti bzw. Sinti und Roma wird von den meisten Roma der Welt als Selbstbezeichnung verwendet, wenn sie sich in ethnischer Hinsicht benennen wollen. Das Wortpaar sollte die Fremdbezeichnung »Zigeuner« ablösen, von der es sich in seinen Inhalten grundlegend unterscheidet. In Österreich ist mittlerweile die Variante Roma und Sinti verbreitet. Beide Doppelbezeichnungen stehen, wie die vom Weltdachverband International Roma Union bevorzugte und international dominierende Gesamtbezeichnung Roma, fĂŒr den Bruch mit einer als stigmatisierend empfundenen Beschreibungsweise und fordern eine nicht-diskriminierende Perspektive ein. Der 1.Weltkomgress der Roma in London 1971 legte die Bezeichnung »Roma« als Gesamtkategorie fĂŒr die unterschiedlichen Teilgruppen offiziell fest. Die Durchsetzung von Roma, partikularer Eigenbezeichnungen (Ashkali, Burgenland-Roma, Lalleri, Kalderasch, Lovara, Manouches, Sinti und weitere Untergruppen der Roma) bzw. ĂŒbliche Doppelbezeichnungen (Sinti und Roma bzw. Roma und Sinti) im medialen, halbamtlichen und amtlichen Sprachgebrauch geht wesentlich zurĂŒck auf die Anstrengungen der seit den 1970er-Jahren entstandenen Selbstorganisationen der Roma. Die Romanes–Selbstbezeichnungen sollen dazu beitragen, den mehrheitsgesellschaftlichen Blick in Frage zu stellen, wie er diskriminierend in dem Begriff »Zigeuner« Ausdruck findet.
Romanes
oder Romani ist die Sprache der Roma. Eine Ausnahme bilden die Romani-Varianten der Sinti, die als RĂłmanes oder Sintitikes bezeichnet werden. Das Romanes bzw. Romani gehört zur Familie der indoeuropĂ€ischen Sprachen. Innerhalb dieser Großgruppe weisen Wortschatz und Grammatik auf eine alte Verwandtschaft mit indoarischen Sprachen, wie z.B. dem Hindi, hin. Romanes bzw. Romani ist die einzige indoarische Sprache, deren Sprecher außerhalb des indischen Subkontinents leben und die seit dem Mittelalter in Europa gesprochen wird. Aufgrund dieser sprachlichen Zugehörigkeit kann man auf die Herkunft der Roma aus Indien schließen, so wie generell die Entwicklungen und VerĂ€nderungen im Romanes bzw. Romani zu den wichtigsten Anhaltspunkten fĂŒr die Rekonstruktion der Migrationsgeschichte der Roma zĂ€hlen, da das Romanes Wörter aus den anderen Sprachen der GastlĂ€nder entlehnte. Man unterscheidet im Romanes bzw. Romani sieben große Dialektgruppen: Balkan-, Vlach-, Zentrale, Nordöstliche, Nordwestliche, Britische und Iberische Dialekte. Vlach z.B. bezeichnet Dialekte, die starken rumĂ€nischen Einfluss aufweisen, da ihre Sprecher einst als Leibeigene oder Sklaven in der Walachei gelebt haben.
Siehe Kapitel Duldung, Abwehr und Versklavung.
Romanes bzw. Romani als primĂ€r mĂŒndlich tradierte und verwendete Sprache wird vor allem in gruppeninternen und privaten Gebrauch gepflegt. Als Resultat der Verfolgung und Ermordung großer Teile der kulturerhaltenden Großelterngeneration, aber auch als Effekt einer globalisierten Welt sowie mangelnder UnterstĂŒtzung, da es u.a. oft als Integrations-verhindernd gesehen wird, nimmt die Zahl der Romani/Romanes-Sprecher/innen kontinuierlich ab.
Siehe Kapitel Die Heimat der Roma ist ihre Sprache
Romantik
Epoche des europĂ€ischen Geisteslebens vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts, die im Gegensatz steht zu AufklĂ€rung und Klassik und die geprĂ€gt ist durch die Betonung des GefĂŒhls, die Hinwendung zum Irrationalen, MĂ€rchenhaften und VolkstĂŒmlichen und durch die RĂŒckwendung zur Vergangenheit. Vorzufinden auch als romantische Philosophie, romantische Literatur, romantische Malerei und in der Musik.
Romantisierung
Bedeutet: etwas im Sinne der Romantik zu gestalten. Die Umwandlung des Alltags in etwas Wunderbares und Mystisches bzw. die Flucht aus dem Alltag in eine andere, nicht allzu reale Welt.
Siehe Kapitel »Zigeunerromantik« – Faszination u. Verachtung.
Segregation
bedeutet Absonderung, Trennung, in der Soziologie die Trennung von Bevölkerungsgruppen aus religiösen, ethnischen oder sozialen GrĂŒnden, z.B. auch »Rassentrennung« – siehe: NĂŒrnberger Rassengesetze. Segregation stellt die systematische Trennung der Lebensbereiche von Menschen verschiedener Herkunft bzw. »Rasse« dar, wobei eine Gruppe bevorzugt, die andere benachteiligt wird.
Selbstbezeichnung/ -darstellung / -zeugnisse
Bezeichnung, mit der jemand sich selbst, seine Gruppe oder Ähnliches benennt. Darstellung der eigenen Person, Gruppe oder Ähnliches (um Eindruck zu machen, seine FĂ€higkeiten zu zeigen oder Ähnliches). Selbstbildnis. Die Selbstbezeichnung »Roma und Sinti« ersetzt in Österreich seit den 1990er Jahren den Fremdbegriff »Zigeuner«. Darstellungen von Roma stammten ĂŒber Jahrhunderte hauptsĂ€chlich von Nicht-Roma. Es existieren kaum historische Selbstzeugnisse. Erst nach 1945 beginnen die schrittweise Selbstdarstellung und die ersten Selbstzeugnisse von Roma und Sinti
Selbstorganisation
Auf internationaler Ebene fĂŒhrten die BemĂŒhungen um Selbstorganisation und Emanzipation von Roma und Sinti 1971 zur GrĂŒndung des »Internationalen Romani-Kongresses«. Der erste österreichische Roma-Verein wurde 1989 im burgenlĂ€ndischen Oberwart gegrĂŒndet. Durch Selbstorganisationen und politische Lobby-Arbeit gelang 1993 die Anerkennung als Volksgruppe in Österreich.
Siehe Kapitel Selbstorganisationen.
Sesshaftigkeit
Einen festen Wohnsitz, einen bestimmten Ort als stĂ€ndigen Aufenthalt besitzend; nicht dazu neigend, seinen Wohnsitz, seinen Aufenthaltsort hĂ€ufig zu wechseln. Seit nahezu 600 Jahren leben Roma im Gebiet des heutigen Burgenlands. Im 18. Jahrhundert kam es durch die Politik von Maria Theresia und Joseph II. zu Zwangsansiedlung und -assimilierung der Roma. Lovara und Sinti, seit sechs bis sieben Generationen in Österreich, hatten als WanderhĂ€ndler und ambulante Kleingewerbetreibende vor dem Zweiten Weltkrieg selten feste Wohnsitze. Ab den 1930er Jahren wurde der Bewegungsradius von Lovara und Sinti immer stĂ€rker eingeschrĂ€nkt, es kam abwechselnd zu Anhaltungen und Vertreibungen, das Nomaden - Leben wurde zum Vorwurf erhoben, doch Ansiedlungs- und Heimatrechte blieben ihnen generell versagt. Ein Teil der Überlebenden des Völkermords durch die Nationalsozialisten suchte Vorkriegswohnungen und Geburtsgemeinden im Burgenland auf, die meisten tauchten aber in den grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten unter, bevorzugten ein Leben in der AnonymitĂ€t. Die meisten Sinti und Lovara wollten sesshaft werden, mussten sich allerdings mit Behelfswohnraum in Baracken zufrieden geben oder lebten weiterhin in WohnwĂ€gen mit fester Adresse. Mit dem wirtschaftlichen und technischen Aufschwung ab den 1950er Jahren wurden ambulante HĂ€ndler und Handwerker zusehends verdrĂ€ngt und feste Wohnsitze waren durch höhere MobilitĂ€t und FlexibilitĂ€t mit modernen Fahrzeugen möglich.
Siehe Katalogbeitrag »Roma in Österreich, österreichische Roma-Politiken«
Sinti Sintiza / Sinto
Bezeichnung fĂŒr eine einzelne Frau / einen einzelnen Mann in Sintitikes, der Sprache der Sinti. Seit dem 14. Jahrhundert in Westeuropa beheimatete Gruppe europĂ€ischer Roma mit eigener Sprache. Die Sinti (Herkunft und Bedeutung der Bezeichnung sind unklar) sind seit dem 15. Jahrhundert in die deutschen Sprachgebiete Mitteleuropas eingewandert. Der Großteil der österreichischen Sinti kam Ende des 19. Jahrhunderts aus den Gebieten der damaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie, v.a. aus Böhmen und MĂ€hren, einige wenige auch aus SĂŒddeutschland. Die österreichischen Sinti ĂŒbten bis in die 1930er Jahre vorwiegend mobile Berufe wie Wanderhandel und Handwerk sowie Schauspieler/in und Musiker/in aus. Der nationalsozialistische Genozid hat ebenso wie bei den anderen Roma-Gruppen ihre soziale Struktur weitgehend zerstört. Sinti wurden in der NS-Zeit durch die nationalsozialistische Agentin Eva Justin ausgeforscht, die sich das Vertrauen der Sinti erschlich und so in der Lage war, ihre Aufenthaltsorte und Routen weiterzugeben, sodass ein Großteil der Sinti auf »höchst effiziente« Weise verhaftet und ermordet werden konnte. Diese Tatsache ist als kollektives Trauma in der Gruppe noch sehr prĂ€sent, weshalb viele Sinti auch nicht gern an die Öffentlichkeit treten. Die meisten betrachten ihre Sprache noch als Geheimcode, der nicht an Nicht-Roma vermittelt oder auch nur aufgezeichnet werden soll.
Sintitikes
Sprache der Sinti
Sklaverei
Völlige wirtschaftliche und rechtliche AbhÀngigkeit eines Sklaven von einem Sklavenhalter
In den rumĂ€nischen FĂŒrstentĂŒmern Moldau und Walachei waren die Roma im 14. und 15. Jahrhundert in Sklaverei geraten, dies wurde erst im 19. Jahrhunder aufgehoben.
Siehe Kapitel Duldung, Abwehr und Versklavung.

Sonderschule
Die Sonderschule ist in Österreich die Schulart der SonderpĂ€dagogik im Bereich der Primar- & SekundĂ€rbildung I.

Bis in die spĂ€ten 1980er Jahre war es im Burgenland vielfach ĂŒblich, dass Roma-Kinder in Sonderschulen ĂŒberwiesen wurden. Dieser Umstand fĂŒhrte unter anderem zu einer großen Skepsis gegenĂŒber der Institution Schule, die bis heute Auswirkungen auf die Bildungssituation der Volksgruppe hat.

Bei autochthonen Roma und Sinti zeigt sich laut ROMBAS-Studie ein Anstieg des Bildungsniveaus ĂŒber die letzten drei Generationen. Haben in der Ă€lteren Generation viele keine BildungsabschlĂŒsse oder nur die Sonderschule besucht, so besuchen heute Roma-SchĂŒlerInnen zunehmend auch weiterfĂŒhrende Schulen. Manche schließen mit Matura ab oder erlangen einen Studienabschluss. Der Anstieg des formalen Bildungsniveaus muss jedoch in Relation zum starken Anstieg des Bildungsstandes in der Gesamtbevölkerung in diesem Zeitraum gesehen werden. Von Roma-Vereinen, die LernunterstĂŒtzung und Schulmediation fĂŒr Roma mit Migrationshintergrund anbieten, weiß man, dass ein höherer Anteil der Roma-Kinder, die ihre Angebote in Anspruch nehmen, nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet wird. So hatten zum Beispiel im Schuljahr 2007/08 von den Roma, die Lernhilfe ĂŒber das Romano Centro erhielten, 18 Prozent einen SonderpĂ€dagogischen Förderbedarf (Romano Centro, 2008a, S. 7). Auch kleinere qualitative Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit von Roma mit Migrationshintergrund, in eine Sonderschule zu kommen bzw. sonderpĂ€dagogische Förderung zu erhalten, im Vergleich zu Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft als höher einzuschĂ€tzen ist (Luciak, 2009; Punz, 2007).
SS
Ist die AbkĂŒrzung fĂŒr Schutzstaffel. Eine 1925 entstandene Sonderorganisation zum Schutz Hitlers und anderer FunktionĂ€re der NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei), die unter Heinrich Himmler zugleich den »Polizeidienst« innerhalb der NSDAP ausĂŒbte. WĂ€hrend des Krieges wurden innerhalb der SS verschiedene Einsatztruppen wie militĂ€rische und kasernierte VerbĂ€nde aufgestellt, die u.a. auch zur Bewachung der Konzentrationslager verwendet wurden. Diese unterstanden allgemein ab 1934 der Verwaltung der SS. Die SS war sowohl an der Planung wie DurchfĂŒhrung des Völkermordes herausragend beteiligt.
Stereotyp
Ein Stereotyp ist eine im Alltagswissen prĂ€sente Beschreibung von Personen oder Gruppen, die einprĂ€gsam und bildhaft ist und einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht. Sie sind gleichzeitig relativ starre, ĂŒberindividuell geltende beziehungsweise weit verbreitende Vorstellungsbilder. Im Gegensatz zu einem (veralteten, rasterhaften) Klischee sind Stereotypen rein auf Personen(gruppen) bezogen. Im Gegensatz zum Vorurteil, das eine generelle Haltung ausdrĂŒckt, sind Stereotypen Teil einer unbewussten und teils sogar automatischen kognitiven Zuordnung, sie können auch positiv gemeint sein.
Stigmatisierung
Als Stigmatisierung wird unter anderem eine Zuschreibung negativer Eigenschaften bezeichnet, die bei den Betroffenen zu einer Diskriminierung fĂŒhrt. So wird z. B. eine Person stigmatisiert, wenn man sie als Vorbestraften, Arbeitslosengeld-EmpfĂ€nger usw. bezeichnet. Somit sind meist Randgruppen betroffen, die gemeinsame, negativ gewertete Merkmale haben, durch die sie von anderen Gliedern der Gesellschaft unterschieden werden.
Vertreibung
Ein Oberbegriff fĂŒr staatliche Maßnahmen gegenĂŒber einer ethnischen, religiösen, sozialen oder politischen Gruppe, die diese zum Verlassen ihres Siedlungsgebietes zwingen.
Siehe Kapitel NS-Verfolgung und Völkermord.
Verfolgung
Der Rechtsbegriff ‚politische Verfolgung’ meint im sĂ€kularen Staat immer die staatliche Verfolgung. Sie gilt dann als politisch, wenn der/die Verfolgte wegen seiner/ihrer politischen Überzeugung, seiner/ihrer religiösen Grundentscheidung (Religionszugehörigkeit), oder wegen einer persönlichen Andersartigkeit (z.B. HomosexualitĂ€t oder TranssexualitĂ€t) von staatlichen Organen in seinen fundamentalen Menschenrechten verletzt und ausgegrenzt (separiert) wird.
Vorurteil
Ein Vorurteil ist ein Urteil ĂŒber Personen oder Sachverhalte, das ohne wirkliches Wissen ĂŒber diese Person bzw. diesen Sachverhalt gebildet wird. Damit ist auch eine Wertung verbunden. Vorurteile können etwas entweder besser oder aber schlechter darstellen, als es tatsĂ€chlich ist, sie können also positiv oder negativ sein.
Völkermord (Genozid, Holocaust)
Das Wort Genozid besteht aus den beiden Wortteilen genos (griechisch – Geschlecht) und caedere (lateinisch – vernichten) und bedeutet so viel wie Völkermord. Von Völkermord/Genozid spricht man dann, wenn viele Menschen einer bestimmten nationalen, ethnischen oder religiösen Gruppe ermordet werden. Heute wird der Holocaust, das Vorhaben der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, alle europĂ€ischen Juden zu ermorden, als Völkermord definiert. Siehe Kapitel NS-Verfolgung und Völkermord und, insbesondere zur Verwendung und Definition der einzelnen Begriffe, die Website erinnern.at.
Volksgruppe / Volksgruppengesetz
Die gesetzlich anerkannten Volksgruppen in Österreich sind: Slowen/innen /Slovenci (v.a. in KĂ€rnten), BurgenlĂ€ndische Kroat/innen/Gradiơćanski Hrvati, Ungar/innen/Magyarok (v.a. im Burgenland), Tschech/innen/ČeĆĄi, Slowak/innen/SlovĂĄci (v.a. in Wien) und Roma und Sinti/Le Rom thaj le Sinti. Ab 1976 gibt es in Österreich das Volksgruppengesetz, in dem eigene Rechte fĂŒr Angehörige dieser Gruppen festgelegt sind. Darin wird u.a. festgehalten, dass VolksgruppenbeirĂ€te die Bundesregierung und Bundesminister bzw. Bundesministerinnen in Volksgruppenangelegen-heiten beraten und dass die Kultur der Volksgruppen gefördert werden soll. Ebenso werden die Aufstellung zweisprachiger Bezeichnungen (z.B. Ortstafeln) und die Verwendung der jeweiligen Sprache als Amtssprache (also bei Behörden) festgelegt. Roma und Sinti sind erst seit 1993 eine anerkannte Volksgruppe in Österreich.
Siehe Kapitel Selbstorganisationen.
Zigeuner
Der Begriff »Zigeuner« ist eine in ihren UrsprĂŒngen bis ins Mittelalter zurĂŒckreichende Fremdbezeichnung der Mehrheitsbevölkerung und wird von der Minderheit als diskriminierend abgelehnt. Wird er im Kontext historischer Quellen verwendet, so sind die hinter diesem Begriff stehenden Klischees und Vorurteile stets mit zu bedenken. In Bezug auf seine Herkunft und Geschichte ist der Begriff nicht eindeutig ableitbar. Er beinhaltet sowohl negative als auch romantisierende Bilder und Stereotypen, die real existierenden Menschen zugeschrieben werden. Daher ist der Begriff zuallererst ein Konstrukt.
Zigeunerevidenz
In der Zwischenkriegszeit begannen die burgenlĂ€ndischen Gemeinden, die als »Zigeuner« klassifizierten Personen in eigenen Karteien und Evidenzen zu erfassen. Diese Erfassung schuf die Voraussetzung fĂŒr die spĂ€tere Verfolgung, Deportation (Verschleppung) und Ermordung durch die Nationalsozialisten.
Zigeunerlager
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs durften Sinti und Roma auf Anordnung von Heinrich Himmler ab Mitte Oktober 1939 ihre Wohnsitze nicht mehr verlassen (siehe: Festsetzungserlass). Die große Mehrheit der deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurde in Lagern interniert, um sie spĂ€ter zu deportieren. In Österreich war das grĂ¶ĂŸte derartige Lager im burgenlĂ€ndischen Lackenbach, dort wurden bis zu 2.300 Insassen gleichzeitig festgehalten.
Weiteres siehe Kapitel NS-Verfolgung und Völkermord.
Zigeunerverordnung
Seit dem 16. Jahrhundert gingen die sich formierenden Territorialstaaten mit ihrem Anspruch auf Kontrolle und Disziplinierung der Untertanen verschĂ€rft gegen Roma und andere mobile Menschen vor. In den habsburgischen LĂ€ndern wurden seit dieser Zeit in großer Zahl Verordnungen erlassen. Weiteres siehe Kapitel Duldung, Abwehr und Versklavung sowie Zwangsansiedlung und Zwangsassimilierung

Quellen