Fürstenfeld
Bettelverbot und „Zigeunerpfarrer“
Als die oststeirische Bezirkshauptstadt Fürstenfeld im Oktober 2006 ein generelles Bettelverbot erließ, das – weit über das steirische Landesgesetz hinausgehend – auch passives Betteln unter Strafe stellte, wurde dies von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Ein Bettler aus der Slowakei ging vors Höchstgericht und bekam Recht: Der Verfassungsgerichtshof hob die umstrittene Verordnung am 5.12.2007 (V 41/07 - PDF) als gesetzwidrig auf, weil die Gemeinde mit einem absoluten Verbot „ihre Kompetenzen überschritten“ hatte.
Während die Auseinandersetzung um das Bettelverbot, das sich vorwiegend gegen osteuropäische Roma richtete, für Schlagzeilen sorgte, blieb vollends außer Acht, dass Fürstenfeld schon früher eng mit dem Schicksal der Roma verbunden war. Denn sehr häufig kamen im angrenzenden Burgenland beheimatete Roma – für Geschäfte, auf der Suche nach Arbeit oder als Bettler – in die oststeirischen Gemeinden. In der Zwischenkriegszeit stand der Pfarrer der Fürstenfelder Nachbargemeinde Loipersdorf bei seinen auswärtigen Kollegen sogar im Ruf eines „Zigeunerpfarrers“. Erst die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, insbesondere die Einführung der Zwangsarbeit, setzten der Anwesenheit der Roma ein grausames Ende: „Der Zulauf von Zigeunern wird allmählich schwächer, weil sie auch (vor allem die Männer) zur Arbeit angehalten werden“, heißt es dazu 1939 in der Pfarrchronik. (Timischl, S. 203, 208)
Das „Zigeunerlager Fürstenfeld“: Die Łódź-Transporte 1941
Der Umstand, dass Fürstenfeld als eine
zentrale Drehschreibe der Deportationen in die Vernichtungslager fungierte, ist
nahezu unbekannt. Erst vor kurzem konnte das im NS-Behördenverkehr
etwas unpräzise als „Lager Fürstenfeld“ bezeichnete Barackenlager genauer lokalisiert werden. (Teichmann/Urbaner, S. 191f.) Es befand sich demnach nicht direkt im Stadtgebiet von Fürstenfeld,
sondern etwas außerhalb in der kleinen Ortschaft Dietersdorf (heute Gemeinde
Loipersdorf) unweit des Fürstenfelder Bahnhofs im Südosten der
Bezirkshauptstadt. Dort diente ein Ende 1940 für „volksdeutsche Umsiedler“
errichtetes Lager den NS-Stellen zunächst im Herbst 1941 kurzzeitig als
„Zigeuner“-Sammellager für die Deportation nach Łódź (Ghetto Litzmannstadt); und im
Frühjahr 1943 gingen von hier die Transporte nach Auschwitz-Birkenau ab.
Den geplanten Ablauf bei der Ankunft im Lager Fürstenfeld – 16 Kriminalbeamte und vier Schreibkräfte waren für die Abwicklung der Registrierung im Lager vorgesehen – schildert die Durchführungsregelung der Kriminalpolizei 1941 folgendermaßen:
Die in den Sammellagern eintreffenden Zigeuner sind zunächst in der Reihenfolge ihres Eintreffens gemeinde- und sippenweise auf den in der Mitte der Lager befindlichen Plätzen zu gruppieren und dann unter Mitnahme ihres Gepäcks in den Aufnahme- und Abfertigungsraum zu führen.
Anton Müller war einer der Roma-Häftlinge,
die 1941 ins Sammellager Fürstenfeld gebracht wurden. Das Lager beschreibt der
Zeitzeuge, der im letzten Moment von der Deportationsliste gestrichen wurde,
wie folgt:
Das Lager war aus Holzbaracken, so regelmäßige Holzbaracken. Und um 2 kamen wir hin, und über Nacht haben sie dann geschrieben – die Roma wurden familienweise aufgerufen und dann wurde ein jeder aufgenommen. (...) Da waren nur südliche Burgenländer (…) Und wir waren nur eine Nacht da, vielleicht dass die anderen nach uns dann länger blieben, aber wir waren nur eine Nacht da. Aber alle waren dort, Frauen, Kinder, alle – bestimmt 300.
Ein Sondertransport, der von Unzmarkt über Graz geführt wurde, verbrachte etwas mehr als die Hälfte der rund 600 „Zigeuner“ aus den obersteirischen Zwangsarbeitslagern (vgl. „Zigeunerlager“ Kobenz) zu den Sammellagern. Die Festnahmen der Roma in den Kreisen Oberwart, Fürstenfeld und Feldbach erfolgte durch die Gendarmerie (unter Hinzuziehung von Hilfskräften der SA und SS). Die Lagerbewachung in Fürstenfeld übernahmen Gendarmeriebeamte aus dem Gau Niederdonau, verstärkt durch 20 Hilfspolizeibeamte der Polizeiverwaltung Graz.
Nach einigen Tagen wurden schließlich 1004 „Zigeuner“ in der Dunkelheit der frühen Morgenstunden des 5.11.1941 vom Dietersdorfer Lager mit Lastwägen zum nahe gelegenen Bahnhof Fürstenfeld verbracht, von wo der Transport um 6 Uhr 32 nach Łódź abging. Kein Einziger von ihnen überlebte.
Die Deportationen nach Auschwitz-Birkenau 1943
Im Frühjahr 1943 fungierte das Areal bei
Fürstenfeld dann ein zweites Mal als „Zigeunersammellager“: Der Großteil der infolge
des „Auschwitzerlasses“ aus Österreich ins sogenannte „Zigeunerfamilienlager“
(BIIe) in Auschwitz-Birkenau Deportierten (1909 von 2900 Personen) waren
südburgenländische Roma, die mit den Transporten aus dem Gau Steiermark
zwischen dem 3. und 16. April 1943 in Auschwitz eintrafen.
Bei der Begehung des ehemaligen Lagergeländes bei Fürstenfeld, das sich heute ohne erkennbare Hinweise in einem Waldstück etwas außerhalb der Stadt befindet, erläuterte der Auschwitz-überlebende Rom Karl Sarközi (1928-2007) die Anordnung der Baracken. Vom Siedlungsgebiet und der Bevölkerung war das Lagerareal, das insgesamt weit über 1000 Personen gefasst habe, strikt abgeriegelt:
Und wir waren drüben in dem Wald und dort waren sechs Baracken und das war genau so wie ein KZ-Lager. (...) Stacheldraht war schon, aber nicht unter Strom. (...) Da waren sechs Baracken und in jeder waren ungefähr 200 drinnen. (...) Da war ein Schranken und da sind sie gestanden und rundherum ein Draht. (...) Die Leute in Fürstenfeld, und die hier auch nicht, haben nicht einmal gewusst, dass dort ein Lager war. (...) Und oben war es abgesperrt, du hast niemanden von der Ortschaft da gesehen. (…) Ich glaube nicht, dass da im Ort 20 Leute waren, die gewusst haben, dass hier ein Lager war. Vielleicht nach dem Krieg, als sie die Baracken leer gesehen hatten, die zusammengeschlagenen. Aber damals, als wir da drinnen waren, hat es sicher keiner gewusst, dass da ein Sammellager war und dass dort die meisten Transporte weggekommen sind. Von 100 glaube ich nicht, dass es einer gewusst hat.
Den Lageraufenthalt, der 1941 auf wenige Tage beschränkt war, bezifferte der Zeitzeuge für 1943 mit zwei bis drei Wochen:
Mit dem Lastwagen wurden wir hergebracht. Der Zahlinger Bürgermeister (…) hat uns hergefahren. Jede Gemeinde hat ihre Roma zusammenfangen müssen und herbringen (...) und die haben von dem gesamten Bezirk die Roma, die übrig geblieben sind, hier hergebracht. Und von hier aus sind dann alle Leute zum Fürstenfelder Bahnhof gebracht worden und in die Gitterwägen hinein und nach Auschwitz (...) Drei Wochen, 14 Tage und dann, so wie sie es gebraucht haben, haben sie dich von da weggeschickt.
Einige Rätsel gibt ein Bericht des Kriminalpolizisten Ernst Friedrich Binder auf, der 1979 angab, bereits 1940 der gewaltsamen Auflösung einer „Zigeunersiedlung“ in Graz und der Überstellung der Bewohner nach Fürstenfeld beigewohnt zu haben. Dabei sei es zu Massenerschießungen gekommen, denen ein Drittel der Internierten zum Opfer gefallen sei:
Es gab nur Lehmboden, aber kein Stroh oder sonst irgend etwas. Teils waren die Scheiben an den Fenstern eingeschlagen. Kein Licht, keine Decken, kein Essen und auch nichts zu trinken. Als es dunkel war, hörte man Schreie, Schüsse und sah das Aufblitzen von Pistolenmündungen. Wiederum waren die SS, die Gestapo und der Staatssicherheitsdienst am Werk. (...) Alle mußten sich ausziehen, gleich welchen Geschlechtes, ob Erwachsene oder Kinder. Jetzt waren ohnedies schon viel (sic) dezimiert worden, teils durch Mord am Bahnhof und teils durch die Schießereien des Nachts und im Lager und in den Baracken. Aber dies war noch immer nicht genug. Aus der Menschenschlange, die vor der Schreibstube stand, und auch in den Reihen vor unseren Augen, sind Menschen grundlos, wahllos und ohne Rücksicht auf das Geschlecht, ob Greis, Kind oder Schwangere, erschossen worden. Die Liquidierungen nahm immer die SS vor. Wer krank war, oder wem schlecht wurde, erhielt einen Genickschuß. So schleifte man Tote aus unserer Schreibbaracke hinaus. (...) So dürften wohl in Fürstenfeld ein Drittel der ihrer Freiheit beraubten Zigeuner erschossen worden sein. Ich habe an Lagerinsassen ungf. 200 bis 300 Zigeuner im Gedächtnis. Sie waren ja von der ganzen Steiermark gesammelt worden.
(Ernst F. Binder, 1979, in Auszügen abgedruckt in: Stefan Karner, S. 175-177)
Ungeachtet zahlreicher Ungereimtheiten weist diese Darstellung auch Übereinstimmungen mit dem dokumentierten Ablauf auf. Hinweise auf Massenmorde, wie sie der Bericht über Fürstenfeld enthält, konnten bislang jedoch von keiner weiteren Quelle bestätigt werden; auch die beiden Roma-Zeitzeugen Müller und Sarközi berichten nichts von solchen Übergriffen.
LITERATUR: siehe Bibliographie

