„Ein eigenartiges Trauerspiel vor aller Augen in Knittelfeld“

Sidonie Vajdas Grab in Knittelfeld (Foto: Ursula Glaeser)
Sidonie Vajdas Grab auf dem Stadtfriedhof in Knittelfeld (Foto: Ursula Glaeser)

Das Begräbnis der Sidonie Vajda am 25.4.1932

In der Zwischenkriegszeit besuchten fahrende Roma- bzw. Sinti-Familien u.a. regelmäßig die Region Knittelfeld, wo sie durchaus auch bereitwillig Aufnahme in Bauernhöfen fanden. Vor dem Hintergrund solcher Besuche ist auch das aufsehenerregende „Zigeunerbegräbnis“ im Frühjahr 1932 zu sehen, das für Tausende Schaulustige und tumultartige Szenen am vollends überfüllten Knittelfelder Stadtfriedhof sorgte.

In der Nacht zum 22. April 1932 war die bereits schwerkranke 27-jährige Sidonie Vajda (geb. Doll) auf dem Lagerplatz in Hautzenbichl (zwischen Kobenz und Knittelfeld) bzw. auf dem Knittelfelder Viehmarktplatz verstorben. Drei Tage später folgte das Begräbnis, über das die Gendarmeriechronik Folgendes berichtet:

Am 25. 4. 1932 ist hierorts die durchziehende Zigeunerin und Pferdehändlersgattin Sidonie Weyda (sic!) verschieden und beerdigt worden. Bei der Gelegenheit sind von deren Angehörigen die Zigeuner durch Boten und auf dem Drahtwege aus weitem Umkreise herbeigerufen worden. Das Begräbnis fand nach kath. Ritus sehr feierlich statt. Zuseher waren auch aus der weiteren Umgebung erschienen, so daß die Strassen (sic!) von vielen tausenden von Menschen umsäumt waren. Gendarmerie und Polizei versahen den Ordnungsdienst.

(Zit. nach: 1150 Jahre Kobenz. Geschichte & Geschichten, Kobenz 2010.)

Fotos von Sidonie Vajda und Margit auf dem Grabstein in Knittelfeld (Foto: Ursula Glaeser)

Auch die Presse berichtete ausführlich über den ungewöhnlichen Todesfall: „Nun war sozusagen ganz Knittelfeld Zeuge, wie der Tod im Zigeunerlager Einkehr hielt“, hieß es etwa am 23. April 1932 in einem „Die sterbende Zigeunerin. Ein eigenartiges Trauerspiel vor aller Augen in Knittelfeld“ überschriebenen Artikel in der „Kleinen Zeitung“. Diesem Artikel zufolge hatte die „Zigeunerfamilie Vajda“ einige Tage „auf dem Viehmarktplatz, dem Knittelfelder ,Prater‘“ kampiert. Die sterbende Frau wurde ins Freie gebracht und dort umsorgt. Dies könnte im Zusammenhang mit dem früheren Brauch traditionell lebender Sinti-Gruppen, etwa den Wagen eines Verstorbenen als „unrein“ zu verbrennen, stehen – was man auf diese Weise eventuell umgehen wollte.

Denn uralter Brauch will es, daß die Kinder ihres Volkes unter freiem Himmel sterben. Und so lag die Sterbende im Freien gebettet, die Familie scharte sich um sie herum und sang seltsame, schwermütige, unendlich traurige Weisen von Tod und Abschiednehmen. Das hatte natürlich riesige Menschenansammlungen zur Folge. Die Sicherheitswache mußte einschreiten und veranlassen, daß die Sterbende in den Wagen gebettet werde. Eine Aufnahme ins Spital lehnte sie entschieden ab, sie wollte von ihren Verwandten umgeben sein. So wartete sie auf den Tod, während rings um das Zigeunerlager Schießbuden, Schaukeln, Ringelspiele aufgebaut wurden. (...) Alle Stammesgenossen umstanden mit brennenden Kerzen das Sterbelager, wiederum tönten die seltsamen, fremden Trauerweisen durch die Nacht.

(Kleine Zeitung, 23.4.1932)

Das Sterben und die am 25. April 1932 folgende „Beisetzung der schönen Zigeunersfrau“ schildert die „Kleine Zeitung“ als exotisches Großereignis:

Achtzig Glieder aus der Sippe Vajda, vom 90jährigen Greis bis hinunter zum zwei Jahre alten Urenkelchen, dem Zigeuner-Peterl, einem Neffen der Dahingeschiedenen, standen stumm und traurig im Kreise um den Trauerwagen. (...) Eine riesige Anzahl Stammesgenossen der Toten folgte dem Leichenwagen. Zigeuner waren in Scharen, manche sogar bis aus Bayern hier eingetroffen. Zu beiden Seiten des Weges, den der Trauerzug nahm, stand ein dichtes Spalier von Tausenden. An der Spitze marschierte die Bundesbahnerkapelle. Es waren nach vorsichtiger Schätzung über 3000 Menschen, die der Toten das letzte Geleite gaben. Gendarmerie und Polizei hatten schwere Arbeit, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Noch stärker war das Gedränge auf dem Friedhofe selbst. (...) Unter einem Berg von prächtigen Kränzen verschwand fast der Metallsarg.

(Kleine Zeitung, 27.4.1932)

Auf dem Friedhof herrschte „lebensgefährliches Gedränge“ und es gelang den Ordnungskräften nur mit Mühe, eine „drohende Panik im Entstehen zu unterdrücken“:

Während das Begräbnis im Gang war, wurde die Menschenmenge durch viele Kinder, die aus der Schule kamen, vermehrt. Plötzlich, im dichtesten Gewühl, begannen sich zwei Grabobelisken zuerst langsam zu neigen, um dann immer rascher niederzuwuchten. Glücklicherweise konnten sich die im Bereiche der stürzenden Grabdenkmäler befindlichen Erwachsenen und Kinder noch rechtzeitig retten.

(Kleine Zeitung, 27.4.1932)

Das Grab der Sidonie Vajda ist heute noch unschwer auf dem Knittelfelder Friedhof zu finden. Mit ihr liegt dort ein kleines Mädchen namens Margit begraben, über das die zeitgenössischen Presseberichte allerdings nichts verlauten ließen. Sidonie selbst hatte ihnen zufolge keine Tochter - ihre sechs Kinder waren zum Zeitpunkt ihres Todes allesamt bereits verstorben.

FOTOS: Ursula Glaeser