Leibnitz
Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Roma und Sinti in Mitteleuropa pflegt heute noch – zumindest über einen Teil des Jahres – eine fahrende Lebensweise (siehe: Dienstleistungsnomadismus). Obwohl die Roma und Sinti seit jeher Wirtschaftsbeziehungen mit der einheimischen Bevölkerung unterhalten, ist das Auftauchen größerer Gruppen mit Wohnwägen immer wieder begleitet von Konflikten, in denen sich vielfach auch lange tradierte Ressentiments manifestieren. Ein Großteil dieser Auseinandersetzungen geht darauf zurück, dass die meisten Gemeinden, selbst da, wo sie gesetzlich dazu angehalten sind, keine für solche Gruppen ausreichend ausgestatteten Halteplätze zur Verfügung stellen.
In der Steiermark kam es in jüngster Zeit beispielsweise in Leibnitz infolge des Fehlens geeigneter Stellplätze zu einer derartigen Auseinandersetzung. Der südsteirische Raum diente Romagruppen aufgrund seiner Grenznähe – zu Ungarn und heute zu Slowenien – auch historisch als wichtiges Durchzugsgebiet. Für den Bezirk Leibnitz ist etwa der Schweinsbachwald als Lagerplatz für das Ende des 19. Jahrhunderts belegt:
Bei längeren Reisen waren sichere Lagerplätze vonnöten. Als beliebte Lagerplätze der Roma wurden das Pumperwäldchen in der Gemeinde Röthelstein sowie der Schweinsbachwald im Bezirk Leibnitz angegeben. Gute und sichere Lagerplätze sprachen sich herum und stellten somit auch Treffpunkte der Familien dar.
(Haslinger: Rom, S. 144)
Hundert Jahre später – seit Mitte der 1990er Jahre – ist es die im Kirchenbesitz befindliche Pfarrwiese in Leibnitz, die von fahrenden Roma- und Sinti-Gruppen „mehrmals jährlich” (Kleine Zeitung) als Lagerplatz genutzt wurde. Laut einem Leserbrief in der Kleinen Zeitung vom 5. August 2000 „benützen bzw. mieten jährlich ein- bis zweimal unterschiedlich starke Gruppen von Roma bzw. Sinti den Platz nördlich des Leibnitzer Friedhofes und lagern dort einige Tage.“ Erst 2010 führten Anrainerproteste gegen „Lärm, Schmutz und Gestank” (Kleine Zeitung) dazu, ein Verbotsschild anzubringen und den auf der Pfarrwiese lagernden Roma und Sinti einen neuen Platz zuzuweisen. Die anschließende Odyssee der ca. 60 bis 70 französischen Sinti (Manouches) schildert der Leibnitzer Bürgermeister in der Kleinen Zeitung folgendermaßen – die eigentlich Betroffenen kamen hierbei nicht zu Wort:
„Just an diesem Tag wollten wir die Verbotstafeln aufstellen, da waren die Roma jedoch schon da. Also bin ich hingefahren und habe angeboten mich, um eine Ersatzlösung zu bemühen.“ Bürgermeisterkollege Peter Sunko aus Wagna war behilflich, wollte das Römerdorf anbieten, die Fläche war dort aber zu klein. Leitenberger: „Währenddessen sind die Roma zum Unionplatz weiter gezogen, aber auch dort konnten sie nicht bleiben.” Ein Ersatzplatz wurde auf die Schnelle nicht gefunden, gelandet sind sie letztlich – auch nicht genehmigt – in Kaindorf. Leitenberger: „Fakt ist, dass wir Kernraum-Bürgermeister uns gemeinsam um eine Lösung bemühen sollten. Wir brauchen eine Fläche, wo die Roma sein können.” Das sieht auch Hannes Fleischhacker von der Gemeinde Kaindorf/Sulm so: „Es wäre das Ziel, diesbezüglich gemeinsam vorzugehen, um ein Grundstück zur Verfügung stellen zu können, ebenso die nötigen Sanitäranlagen.“
(Kleine Zeitung, 30.6.2010)
Den Sinti wurde schlussendlich die Wiese neben dem Kaindorfer Sportplatz (nördlich von Leibnitz) zugewiesen, zum Unmut der Sinti allerdings nicht auf dem in der Nähe gelegenen privaten Campingareal. Einem Anrainer zufolge kam es darüber hinaus zu keinen weiteren Konflikten zwischen den Teppich verkaufenden Sinti und den Bewohnern. (Interview mit F. M., Leibnitz)
LITERATUR: siehe Bibliographie
ZUSÄTZLICHE QUELLEN:
- Kleine Zeitung, 5.8.2000; 27.5.2010; 1.6.2010; 30.6.2010
- Interview mit F. M. (Leibnitz), Dez. 2010

