Die Roma-Wallfahrt nach Mariazell

Kerze

Würde man eine Umfrage unter Österreichs Roma und Sinti machen, welcher steirische Ort denn der bedeutendste für sie sei, würde eine überwiegende Mehrheit für Mariazell votieren. Auch wenn bis dato keine Dokumente zu Tage getreten sind, die die oft kolportierte „jahrhundertelange Tradition“ der Roma-Wallfahrt nach Mariazell bestätigten, dürfte die Anziehungskraft der Magna Mater Austriae nicht nur für österreichische Roma und Sinti zumindest bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit traten Roma jedoch schon früher als Wallfahrer nach Mariazell in Erscheinung. Diese damaligen Pilgerreisen dürften auf Familien und Clans beschränkt gewesen sein und keine koordinierte und gruppenübergreifende Ausrichtung gehabt haben. Historisch belegt für die Burgenland-Roma ist die Wallfahrt ins damals untersteirische Sveta Trojica (Hl. Dreifaltigkeit). (Haslinger: Rom, S. 145)

Eine radikale Zäsur erfuhr die Roma-Wallfahrt in die obersteirische Gemeinde durch den nationalsozialistischen Völkermord, dem circa 90% aller österreichischen Roma und Sinti zum Opfer fielen. Wallfahrten, wie sie die Roma-Autorin und -Künstlerin Ceija Stojka im folgenden Zitat schildert, fanden fortan seltener statt:

Nach zwei Tagen ging unsere Reise weiter Richtung Mariazell. Nun erfüllte sich der Wunsch, von dem Mama in Bergen-Belsen gesprochen hat. „Weißt du, wenn wir das KZ überleben sollten“, hatte sie damals gesagt, „dann machen wir wieder eine Wallfahrt nach Mariazell und danken der lieben Mutter Gottes.“ (…) Mariazell war für mich das Schönste, ein wahres Paradies. Der ganze Ort hatte seinen großen Putztag, alles wurde festlich hergerichtet. (...) Wir trafen viele Roma in ihren festlichen Kleidern. Die Männer gingen meistens in ein Gasthaus, sie hatten sich sehr viel zu erzählen. Mama und meine Tante machten ein Riesenfeuer. Sie nahmen Landspeck, spießten ihn auf und legten große Kartoffel auf die Glut. Der ganze Wald roch nach dem guten Speck. Am nächsten Vormittag ging ich noch einmal in die Kirche. Alleine konnte ich die vielen Statuen, die schönen Bilder und unzähligen Kerzen viel besser betrachten. Ich dachte an meinen Vater, der vor langer Zeit mit seinen Eltern hier gewesen war und angeblich auch mit uns, als wir noch klein waren. Die Zeit verging, und Mama suchte mich schon. Wir steigen auf den Wagen, und es ging weiter in Richtung steirisches Burgenland. (Ceija Stojka: Reisende, S. 20-22)

Auch aus dem Burgenland pilgerten Überlebende des Nazi-Regimes nach Mariazell, um sich für ihre Rückkehr aus den Konzentrationslagern zu bedanken. Sie verbanden diese Wallfahrten zumeist mit einem Besuch der Gedenkstätte in Mauthausen (Mayerhofer: Dorfzigeuner, S. 98). Es dauerte jedoch bis zur Mitte der 1990er Jahre, dass die Roma-Wallfahrt wieder an Bedeutung gewann. Im Zuge der Institutionalisierung (ab 1989) und rechtlichen Anerkennung der Volksgruppe (1993) nahm die Idee einer organisierten, großen Roma-Wallfahrt zunehmend Gestalt an, und 1996 wurde sie - nach einem kurzen Intermezzo im oststeirischen Pöllau/Pöllauberg - als gemeinsame Aktivität der österreichischen Roma-Vereine erstmals durchgeführt. Während allerdings in Pöllau katholische, muslimische und serbisch-orthodoxe Roma noch gemeinsam gefeiert hatten, blieben die katholischen Roma nun weitgehend unter sich.

Für sie stand gerade in diesen Anfangsjahren der Wunsch im Vordergrund, damit auch als Volksgruppe sichtbar zu werden und aus dem „Leben im Verborgenen“ (Ceija Stojka) herauszutreten. Die Roma setzten durch diese Initiative auch ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und Rassismus sowie einer gruppenübergreifenden Solidarität mit den Bewohnern der Oberwarter Roma-Siedlung, die erst wenige Monate zuvor den Tod von vier jungen Männern zu beklagen hatten. Sie starben bei dem Versuch, ein Schild mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“, das an eine Rohrbombe angebracht war, zu entfernen.

tl_files/Bilder/fotos und bilder/mariazell/PICT0030-1.JPGHeute präsentiert sich die jährlich am zweiten Sonntag im August stattfindende Wallfahrt, der immer ein Bischof vorsteht, als gruppenübergreifender, internationaler Feiertag, an dem neben österreichischen Roma und Sinti unter anderem slowakische, ungarische und deutsche Gruppen teilnehmen. Lieder und Gebete in den unterschiedlichen Romani-Varianten prägen innerhalb und außerhalb der Basilika das Geschehen, die Gläubigen überbringen Votivgaben, und die Roma-Vertreter überreichen jenen Personen, die im besonderen Maße mit der Wallfahrt verbunden sind bzw. sich besonderer Verdienste erworben haben, das sogenannte „Zigeunerrössl“ – ein aus rotem Wachs in Handarbeit geformtes Pferd – als Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung. Es beruht auf der Legende, dass fahrende Roma zu früheren Zeiten eine Pferdeskulptur als Votivgabe zurückließen, wenn ihre Wägen heil in Mariazell angekommen waren. Neben dem „Zigeunerrössl“ sind eine große Kerze und ein vom Mattersburger Rom Karl Horvath geschmiedetes Kreuz die zentralen Symbole der Roma-Wallfahrt. (Scheweck: Roma-Wallfahrt, s.p.)

Unsere Reise war sehr schwer, schon lange ging es bergauf, die vielen Kehren nahmen kein Ende. Sehr oft machten wir eine Pause, damit sich die Rösser erholen konnten. Mama, Tante Gescha und ich gingen den ganzen Weg zu Fuß. Während die Wagen langsam hinaufrollten, standen wir schon am Annaberg. Ich konnte mich nicht satt sehen an dieser schönen Gegend, Berge in allen Größen, an so manchen Stellen lag noch frischer Schnee. Mama und meine Tante gingen zu einem Bauernhaus, kurze Zeit darauf gab es für uns heiße Milch und Brot. Nach zwei Stunden kamen auch unsere Pferde mit den schweren Wagen auf der Berghöhe an. Die zwei Männer waren froh, dass sie den riesigen Berg hinter sich gebracht hatten. (Ceija Stojka: Reisende, S. 21)


LITERATUR: siehe Bibliographie

FOTOS: zur Verfügung gestellt vom Burgenländischen Landesmuseum