Pöllau/Pöllauberg 1994-1996: Die erste österreichische Roma-Wallfahrt

Die erste gemeinsame Wallfahrt der österreichischen Roma veranstaltete der Wiener Roma-Verein Roma Centro im Frühjahr 1994, nur wenige Monate nach der Anerkennung der Roma und Sinti als sechste österreichische Volksgruppe. Initiator war der Arbeitskreis Kultur Pöllau, der die steirische Landesausstellung „Wege zur Kraft – Wallfahrt“ in Pöllau/Pöllauberg unweit Hartberg zum Anlass nahm, im oststeirischen Wallfahrtsort ein interkulturelles und publikumswirksames Fest anzuregen.

tl_files/Bilder/fotos und bilder/poellau/poellau.jpgDie Pilgerreise war für die teilnehmenden Roma jedoch vor allem von dem Wunsch getragen, die Identität der neu anerkannten Volksgruppe über konfessionelle, kulturelle und vor allem volksgruppenpolitische Grenzen hinweg zu stärken und gruppenübergreifend zu feiern. In die Oststeiermark kamen deshalb von 1994 bis 1996 neben „autochthonen“ katholischen Roma, auch „allochthone“ serbisch-orthodoxe und muslimische Roma. Der Termin fiel auf den 6. Mai, den Georgstag im orthodoxen Kirchenkalender, der sich als interkonfessioneller bzw. interreligiöser Festtag für dieses Vorhaben geradezu aufdrängte. Er wird von moslemischen und christlichen Roma gleichermaßen begangen – als Georgstag im katholisch-evangelischen, djurdjevdan im serbisch-orthodoxen und herdelezi im muslimischen Raum – und soll den Frühling einleiten und zu Glück verhelfen. (Hemetek: De ma devla, S. 204-211; Hemetek: Mosaik der Klänge, S. 476)

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Obwohl sich die verschiedenen Gruppentraditionen und Ausdrucksformen nicht immer zu einem harmonischen Ganzen fügten und den katholischen Lovara etwa die laute Festmusik der serbisch-orthodoxen Kalderaš zu wenig ehrfürchtig erschien, blieb die „Gemeinsamkeit von den vielen auseinandergerissenen Menschen“ (Ceija Stojka) davon unberührt. „Es schien damals“, schreibt Ursula Hemetek rückblickend, „dass hier eine neue gemeinsame Tradition zu entstehen begann, die verschiedenen Traditionen nebeneinander bestehen ließ.“ (Hemetek: De ma devla, S. 205-211)

Der politische Elan dieser Anfangsjahre konnte die vielen Unterschiede und Bedingungen jedoch nicht sofort überwinden und wich dem Pragmatismus der Folgejahre. Die Wallfahrt nach Pöllau/Pöllauberg hatte dennoch identitätsstiftende Bedeutung und war entscheidender Impulsgeber für die daran anknüpfende Wallfahrt nach Mariazell:

„Im Spiegel dieser Entwicklung scheint mir die geschilderte erste gemeinsame Roma-Wallfahrt von Pöllau umso wichtiger zu sein. Es war möglich, dass Angehörige dreier verschiedener Religionsbekenntnisse gemeinsam zu einem Gott beten und gemeinsam eine Wallfahrt begingen.“

(Hemetek: De ma devla, S. 211)

Abseits dieser interkonfessionellen und gruppenübergreifenden Ausrichtung Mitte der 1990er Jahre war Pöllau/Pöllauberg auch bereits in den ersten Nachkriegsjahrzehnten Ziel von Roma-Wallfahrern aus dem angrenzenden Burgenland: Es waren vor allem Burgenland-Roma aus Neustift an der Lafnitz, die ihre Rückkehr aus den Konzentrationslagern zum Anlass genommen haben, sich gemeinsam mit ihren Kindern und zusammen mit anderen Gläubigen jährlich auf den Weg in den steierischen Wallfahrtsort zu begeben. (Mayerhofer: Dorfzigeuner, S. 98)

LITERATUR: siehe Bibliographie