„Zigeunerlager“ Kobenz

In Kobenz nahe Knittelfeld befand sich in den Jahren 1940/41 eines von mehreren obersteirischen „Zigeuner-Zwangsarbeitslagern“. Das ursprünglich für Straßenarbeiter errichtete Lager lag nicht abgelegen von der Ortschaft, sondern beinahe in deren Zentrum: in unmittelbarer Nähe zur Kirche, zum Gemeindeplatz, aber auch zu Wohnhäusern, die von NS-Funktionären bewohnt wurden. Das Areal, auf dem sich das Lager befand, gehörte dem Ortsbauernführer, der es an die Gemeinde verkaufte, damit diese dort ein Barackenlager errichten lassen konnte.

1940 wurde das Lager in ein „Zigeunerarbeitslager“ (nur für Männer) umfunktioniert – davor wurden dort polnische, französische und belgische Gefangene sowie jüdische Zwangsarbeiter festgehalten. Im Sommer 1941 befanden sich 124 Roma und Sinti in diesem Lager. Die inhaftierten Personen wurden als Zwangsarbeiter im Straßenbau eingesetzt bzw. mehreren Firmen zugeteilt, von denen sie zu schweren Arbeiten herangezogen wurden. (TEICHMANN/URBANER)

Zeitzeugen erinnern sich, dass das Lager nicht streng bewacht wurde und die Inhaftierten am Wochenende Besuch empfangen durften. Ein Bauer aus Kobenz, dessen elterlicher Bauernhof sich in der Nähe des Lager befand, erinnert sich:

„Am Anfang waren auch Frauen immer wieder zu Besuch da, die haben bei uns im Stall geschlafen, es gab ja keine andere Möglichkeit. (…) Oben im Stall, im Stroh. Die haben für ihre Männer Sachen mitgebracht. Sie kamen her und fragten, ob sie hier übernachten können. (…) Der Vater gab ihnen Decken. Sonntag hatten Sie Ausgang, da gingen sie spazieren mit den Frauen. Am Montag haben sie wieder arbeiten müssen und die Frauen waren fort.“

Interview mit einem Bauern aus Kobenz, aufgezeichnet im Jänner 2008. In: Michael Teichmann, Roman Urbaner: S. 188.

Anton Müller
Foto: Julius Horvath (Mri Historija, Roma-Service)

Aufgrund dieser den Roma-Häftlingen zugestandenen Freiheit wiegten sich viele in Sicherheit und unternahmen auch keine Fluchtversuche. Diese relative Freiheit bestätigt auch der ehemalige Häftling Anton Müller (geb. 1924, Zahling im Burgenland):

„Nein, es [Anm.: zu flüchten] hat keiner probiert, obwohl es leicht gegangen wäre (…) Man dachte, uns geht es eh gut, wir bleiben da. Man hat das Vertrauen, dass es einem besser geht, wenn man blieb. Da wäre keiner gegangen. Wir gingen ja auch die Mutter besuchen [nach Leoben, Anm.] , und wir hätten auch abhauen können. (…) Wir wären sowieso nicht fortgegangen, weil wo hätten wir hinsollen?“

Interview mit Anton Müller, aufgezeichnet im November 2007. In: Michael Teichmann, Roman Urbaner: S. 189. Siehe auch: Mri Historija - Lebensgeschichten burgenländischer Roma.

Möglicherweise steckte hinter diesen vergleichsweise offenen Lagerverhältnissen die Absicht, die Häftlinge bis zur Wiederaufnahme der zuvor immer wieder aufgeschobenen Deportationsvorhaben gezielt zu täuschen. Somit fühlten sich diese in Sicherheit und unternahmen daher auch keine Fluchtversuche. Von Misshandlungen ist nichts bekannt. Der ehemalige Zwangsarbeiter und Auschwitz-Überlebende Anton Müller berichtet sich an die Lagerverhältnisse in Kobenz folgendermaßen:

Alle waren so angezogen, wie sie gekommen sind. Jeder war in Zivil. Es war dort nicht so wie in Auschwitz oder Mauthausen. In Kobenz und Zeltweg ist keiner geschlagen oder umgebracht worden. Aber wir haben unter Zwang arbeiten müssen und haben dafür keine Entlohnung bekommen.

Das „Zigeunerlager“ dürfte im Zuge der Deportationen nach Łódź [1] im Herbst 1941 aufgelöst worden sein. Ein Teil der Inhaftierten wurde in andere Zwangsarbeitslager geschickt, da man Arbeitskräfte benötigte. Der andere Teil wurde im Zuge der Deportationen zunächst in Sammellager (siehe: Fürstenfeld) verbracht und von dort in das Ghetto Łódź geschickt, von wo niemand zurückkehrte (TEICHMANN/URBANER).

 


[1] Im Herbst 1941 wurden Massendeportationen nach Łódź (Litzmannstadt) durchgeführt, neben 20 000 Juden und Jüdinnen wurden auch 5 000 Roma/Romnia und Sinti/Sintizzi deportiert. Siehe etwa: http://de.doew.braintrust.at/m17sm146.html